OLD (2021)

OLD (2021) Regie: M. Night Shyamalan Familienurlaub kann die Hölle sein. Vor allem dann, wenn die liebe Familie ohnehin kurz davor ist zu zerbrechen. Ein letzter gemeinsamer Aufenthalt in einem tropischen Ressort, das verdächtig idyllisch anmutet, soll den beiden Kindern wertvolle Erinnerungen schenken, bevor Mama und Papa endgültig getrennte Wege gehen. Highlight der Reise ist der Besuch eines geheimen Strandes. Doch das versteckte Paradies könnte aus dem finalen Familientrip endgültig eine Reise ohne Wiederkehr machen. ***** M. Night Shyamalan hat einen besonderen Platz in meinem Herzen, denn bei THE SIXTH SENSE (1999) habe ich mich damals im Kino das erste Mal wirklich gefürchtet. Bei den meisten Leuten hat aber nicht die beinah körperlich spürbare Furcht den größten Eindruck hinterlassen. Shyamalan hat noch etwas ganz anderes geschafft: Er hat die Kinobesucher*innen überrascht. Der Twist in THE SIXTH SENSE ist ein Geniestreich gewesen … und gleichermaßen Segen und Fluch. Plötzlich kannten alle den Regisseur, der den kleinen Jungen mit toten Menschen sprechen ließ. Die Leute gierten nach weiteren Filmen, aber eigentlich wollten sie bloß ein weiteres Mal überrascht werden. Shyamalan hat sich einen Fanclub gezüchtet, der von der ersten Filmminute an dem Ende entgegenfiebert. Ganz so, als hätte man bloß Sex, um einen Orgasmus zu haben. Ich hingegen liebe es, dass Shyamalan mich das Fürchten lehrt. Es ist ihm damals gelungen und es gelingt ihm auch heute noch. Weil er mich innehalten lässt. Hinsehen. Wegsehen. Und tief empfinden. Shyamalans Filme sind oftmals von einer behaglichen Melancholie geprägt und für mich persönlich dort am intensivsten, wo sie vom Gaspedal gehen und sich anstatt nach vorne zu stürmen, hinab in die Tiefe bohren. Genau das macht OLD mit sanfter Konsequenz. Das Unerklärliche wird zur Bühne für das zutiefst Menschliche. Während wir darauf warten, dass der Horror von außen uns aus dem Konzept bringt, steigt die Grundangst des Menschseins in uns hoch. Wir fürchten uns vor dem Schmerz, vor dem Verfall, vor dem unausweichlichen Ende. Nicht nur im Film, ganz allgemein! Aber diese Furcht heißt nicht, dass wir nicht leben sollten. Wie sehr unser Dasein determiniert ist, wissen wir nicht, aber jeder von uns ist mit unabänderlicher Gewissheit eines: vergänglich. Wir können dem Grauen und der Angst erliegen und auf den Tod warten, oder wir gehen hin und umarmen unser inneres Kind. Bauen Sandburgen, während die Zeit uns wie Sand durch die Finger rinnt. Shyamalans unaufgeregte Parabel schmerzt nicht. Sie hat mich deshalb nicht verletzt, weil diese Wunde in mir ohnehin bereits existent gewesen ist. Shyamalan hat mich nur einmal mehr darauf aufmerksam gemacht. Er kratzt an der Narbe, damit ich sie erkennen und dennoch lächeln kann. Weil es so viel Schönes gibt und so viel Liebe. Ist es schlussendlich nicht der Verlust der Ewigkeit, der uns das Leben und den Lauf der Zeit erst so richtig fühlen lässt? Und was wäre ein Leben ohne Gefühl? Das Ensemble trägt den Film, lässt mich weitgehend glauben, was ich sonst nur visuell und akustisch erfahren würde. Wird es körperlich explizit, wendet Shyamalan den Blick ab. Bis auf wenige, womöglich sogar deplatzierte Ausreißer setzt er ganz bewusst nicht auf Schockmomente. Vieles greift logisch ineinander, aber der filminhärente Sinn darf an manchen Stellen dennoch nicht zu nachdrücklich hinterfragt werden. Erfühlen und nicht zerdenken lautet die Devise. Das Leben rast, aber das Narrativ verweilt immer wieder im Augenblick. Die Geschichte nimmt sich die Zeit, die ihr eigentlich gar nicht bleibt, und das beeindruckt mich. Mag sein, dass ich mich dieses Mal weniger gefürchtet habe, aber ich habe zugehört und verstanden. Demnach hat mich die Botschaft selbst deutlich mehr fasziniert als das Erzählte, deshalb habe ich mir sofort die Graphic Novel von Frederik Peeters und Pierre Oscar Lévy besorgt. Ich bin gespannt, ob ich das in diesem Film erlebte Innehalten auch umsetzen kann, während die Welt rund um mich tobt. Denn ja, ich will so dringend Sandburgen bauen!



***** The ensemble carries the film, largely making me believe what I would otherwise only experience visually and aurally. When it becomes physically explicit, Shyamalan averts his gaze. Except for a few outliers, he deliberately does not rely on shock moments. A lot of things mesh logically, but the film's inherent meaning must not be questioned too emphatically at some points. The motto is to feel and not to think. Life races, but the narrative lingers in the moment. The story takes the time it doesn't really have, and that impresses me. I was less afraid this time, but I listened and understood. Accordingly, I was clearly more intrigued by the message itself than by what was told. I am curious to see if I can implement the pause experienced in this film while the world rages around me. Because yes, I want to build sand castles so badly!




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