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Jack the Ripper – im Purgatorium der Moderne

March 1, 2016

 Auf Spurensuche? Folgt dem Jack the Ripper "Wanderweg".

 

 

„Ethik setzt das Böse voraus, genauer gesagt, sie setzt im weitesten Sinne abweichendes Verhalten voraus, nur so kann sie wirklich zum Einsatz kommen. Jede Zielvorstellung betreffend das Gute bedarf des Bösen.“ Franz Wuketits

 

31. August 1888: Mary Ann Nichols wird vor einem verschlossenen Stalleingang in der Buck’s Road tot aufgefunden. Ihre Kehle durchschnitten, ihr Unterleib mit Messerstichen verwüstet.

8. September 1888: Im Hinterhof des Hauses Hanbury Street 29 wird die Leiche von Annie Chapman entdeckt. Ihre Kehle durchschnitten, ihr Unterleib komplett ausgeweidet, die Gebärmutter und Teile der Bauchdecke am Tatort nicht auffindbar.

30. September 1888: Gegen ein Uhr nachts entdeckt der Kellner eines benachbarten Klubs in der Berner Street die Leiche von Elizabeth Stride. Die Kehle mit einem sauberen Schnitt durchtrennt, ihre Leiche aber nicht weiter verstümmelt. Eine Dreiviertelstunde später wird am Mitre-Platz Catharine Eddowes mit ebenfalls durchtrennter Kehle tot aufgefunden. Ihr Unterleib schwer verstümmelt, alle Gedärme entfernt, die Gebärmutter und eine Niere fehlen.

9. November 1888: Ein Mieteintreiber findet die in ihrer eigenen Wohnung ermordete Mary Jane Kelly. Sie liegt mit durchschnittener Kehle im blutgetränkten Bett, ihr Gesicht verstümmelt, Ohren und Nase abgetrennt. An den Gliedmaßen fehlt stellenweise Muskelfleisch. Der Körper komplett geöffnet, die Organe im Zimmer verstreut, das Herz verschwunden. 

Die Metropole London hält den Atem an, im Stadtteil Whitechapel, in dem die Morde geschehen, herrscht der Ausnahmezustand. In einem Brief, dem er eine halbe menschliche Niere, mit dem Vermerk, er habe die zweite Hälfte verspeist, beilegt, grüßt der Killer direkt aus der Hölle. „From Hell“, lässt der selbsternannte „Jack the Ripper“ die in Panik gegründete Whitechapel Bürgerwehr wissen und schließt mit der süffisanten Aufforderung „Catch me when you can.“

 

Londons geheimnisumwobener, aber vor allem auch vom ersten Moment an medienumworbener Serienmörder Jack the Ripper ist längst über sich und sogar über sein unüberschaubares kulturelles Erbe hinausgewachsen. Der Mythos der Figur würde niemals in einer einzelnen, historisch verbrieften Gestalt Raum finden und das muss er auch gar nicht. Denn nicht einmal die oft zitierten und auch von mir bemühten „kanonischen Fünf“, jene fünf Morde, die in den unterschiedlichsten kriminalhistorischen Abhandlungen Jack the Ripper zugeschrieben werden, sind mit unumstößlicher Sicherheit das Werk des die Hölle verheißenden Serienmörders. Je nach Quelle und entsprechender Auslegung hat er bis zu 13 weitere Morde begangen oder ist vielleicht doch „nur“ für insgesamt drei Morde verantwortlich.  Ebenso vielfältig und durchaus nicht frei von kreativem Potential gestaltet sich die bis heute nicht abgeschlossene und von promovierten bis selbsternannten Spezialisten - im Geiste und Antrieb unter dem klingenden Namen Rippologen vereint - betriebene Tätersuche. Vom durch einen Gen-Defekt völlig entstellten Elefantenmenschen Joseph Merrick, hin zum vom morbiden Charme Londons hypnotisch inspirierten Deutschen Maler Walter Sickert, vom bodenständigen polnischen Friseur bis hoch hinaus in die blutreine Ahnenreihe des britischen Königshaus reichen die Spekulationen. Wer sich selbst als Rippologe versuchen und in Verschwörungstheorien schwelgen, ausführliche Materialien durchforsten und sein neu erworbenes oder frei kombiniertes Wissen mit anderen teilen will, dem sei die Homepage www.jacktheripper.de empfohlen. Dort findet man fast alles, was das rippophile Herz begehrt.

Fest steht, dass all die Großstadtlegenden und die historischen Wahrheiten im mythengebärenden Einklang das Bild einer ultimativen Veränderung widerspiegeln, die alle Lebensbereiche und jeden Menschen an der Wende zum 20. Jahrhundert betraf. Wie T. S. Eliot mit „The waste land“ das Zeitalter der modernen Lyrik begründet, so markieren in einem schöpferischen Zustand unreflektierter Grausamkeit die Gräueltaten des Jack the Ripper die Geburtsstunde des modernen Mordens. Die Kontrolle der Dorfgemeinschaft wird durch die Anonymität der Großstadt ersetzt, der Mord löst sich von dem emotional oder wirtschaftlich nachvollziehbaren Motiv, der Vorgang des Mordens selbst wird zur Motivation, Jack the Ripper zum Inbegriff des Unbegreiflichen. Bis heute.

 

Obwohl die Profitgier den Jack the Ripper Mythos an jeder Ecke, und das nicht nur in England, zum Verkauf anbietet, kann von einem Ausverkauf noch lange nicht die Rede sein. Auch wenn man sich schon fragen muss, ob sich die ihre Fotoapparate zückenden Touristengruppen an den Mordschauplätzen nicht gegenseitig im Blitzlicht stehen, bei all den mehr oder weniger seriösen Agenturen, die in London geführte Jack the Ripper Touren anbieten. Aber nachdem man sich im Internet auch die GPRS Daten der Tour für sein jeweiliges Navigationsgerät runterladen kann und auch mit Stadtplänen, auf denen sich verheißungsvoll blutrote Kreuzchen finden, nicht gegeizt wird, kann man sich auch allein auf den todbringenden Wanderweg machen. Wer’s nicht so mit Bewegung an der großstadtfrischen Luft hat, und die Geisterbahnatmosphäre authentisch genießen will, der besucht am besten das Folter- und Horrormuseum „London Dungeon“ und durchlebt dort eine abwechslungsreich gestaltete „Jack the Ripper Experience“. Oder der geneigte österreichische Leser begibt sich einfach in den Wiener Prater und wandert dort durch die Gänge des „Jack the Ripper Hauses“, nicht ganz so effektiv wie die Gruselschau in London, aber nahe am Schweizerhaus und somit an einer ausgezeichneten Biertankstelle. Und die Extremsportler unter den Ripperjüngern haben sogar die Möglichkeit, am Meister selbst Hand anzulegen, immerhin haben die Fallschirmspringer ein spezielles Kappmesser Jack the Ripper genannt. Wer sich lieber im eigenen Bau verkriecht und Aktivitäten, die über gezielte Daumenbewegungen hinausgehen ablehnt, der sollte sich „Sherlock Holmes versus Jack the Ripper“ (2009) ins Laufwerk legen und durch die virtuellen Gassen Londons pixeln, morden, jagen. Und all diejenigen, welche die leicht mordende Muse im schönen Gewande vorziehen, die können sich wahlweise ein Jack the Ripper Musical beziehungsweise Rock-Musical, ein Theaterstück oder lieber doch gruseliges Theaterdinner, wie soll ich sagen, reinziehen. Wertes Publikum, ich bin zuversichtlich, dass sich in allernächster Zeit auch eine Laientheatergruppe in ihrer allernächsten Nähe des mörderisch guten Bühnenstoffes annehmen wird. Mahlzeit.

 

Natürlich finden sich neben all den Tourismusattraktionen, Unterhaltungsmedien und Kuriositäten auch wahre Genremeilensteine und kulturelle Perlen, die sich Jack the Ripper verschrieben haben. So begründet sich der Ruhm des Godfather of Suspense, Alfred Hitchcock, auf der Geschichte des Londoner Schlitzers. Mit der Verfilmung von Marie Belloc Lowndes unübertroffen gruseligem Roman „The Lodger“ gelingt ihm 1926 sein erster großer Filmwurf. Komplett farb- und sprachlos aber allemal fesselnd bis ins letzte Detail. Und auch der für sich schon legendäre Klaus Kinski kann als Ripper Interpret, im atmosphärische dichten aber vor allem explizit grausamen „Jack the Ripper“ (1976) des spanischen Regisseurs Jess Franco, gewohnt düster glänzen. Dass dies nicht für die unzähligen, und leider zum Großteil unsäglichen, filmischen Adaptionen des Ripper-Stoffes entschädigen kann, liegt auf der, die spitze Klinge führenden, Hand.

Da bei der Masse der Interpretation nicht nur oft die Klasse, sondern vor allem auch der Überblick fehlt und ein repräsentativer Überblick genau genommen doch nur eine Sichtweise ist, werfen wir einen gezielten Blick auf mein favorisiertes Jack the Ripper Werk. Alan Moores zehnbändige und 600 Seiten starke, kongeniale und so historisch wie metaphysisch fesselnde Graphic Novel „From Hell“ (1989 -1998), die von Eddie Campbell in kompromisslosen, grauenvoll schönen schwarz-weiß Bildern beängstigend greifbar umgesetzt wurde. 2001 haben sich Albert und Allen Hughes an der filmischen Adaption des Mammutwerks versucht und sich dabei hoffnungslos in einer Verliebtheit in ihre Celluloid gewordenen Bilder verloren. So ist der Film zwar voll überlieferter Details und bildschön authentisch, nicht zuletzt dank Johnny Depp, der als Inspektor Abberline eine gewohnt expressive Performance abliefert, aber ebenso frei von jeglicher Emotion wie Spannung.

Zum Ausklang bleibt noch der australische Singer/Songwriter Nick Cave, der auf seinem 1992er Album „Henry’s Dream“ Jack the Ripper im gleichnamigen Song ein kraftvolles und gewohnt dunkles, aber dennoch elegantes Denkmal setzt. Übrigens nicht nur ausgesprochen hörens- sondern auch sehenswert. Nick Cave’s Haus und Hofregisseur John Hillcoat hat in seiner „blood edition“ des messerscharfen Musikvideos die Klangfarben des Rockpoeten bluttriefenden in Szene gesetzt. 

 

Von den Medien des ausgehenden 19. Jahrhunderts inszeniert, von all den folgenden Generationen so begierig weitergeführt wie rezipiert, von den teilweise absurden Auswüchsen der Informations- und Unterhaltungsindustrie zur Legende stilisiert und unsterblich gemacht, ist Jack the Ripper ein Teil von uns allen. Und selbst die Frommsten unter uns haben den Archetyp des Serienmörders ins verräterische Herz geschlossen, immerhin hat der zwar gesichtslose aber geschichtenschwere Jack the Ripper den Teufel ein wenig greifbarer gemacht.

 

Niemand ist sicher

 

from hell

eure Faye

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